Neues aus der Werkstatt #1
Warum gute Lösungen selten am Schreibtisch entstehen
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Manchmal werde ich gefragt, was ich eigentlich genau mache.
Die Antwort fällt mir schwer. Nicht, weil ich sie nicht kenne, sondern weil sie selten in eine Schublade passt. Offiziell bewege ich mich zwischen Interim Assistenz, PMO und Projektbegleitung. Inoffiziell mache ich meistens etwas Einfacheres: Ich bringe Ordnung ins Denken.
Ein Beispiel aus der Praxis:
Vor einigen Jahren begleitete ich ein wachsendes E-Commerce-Unternehmen mit rund 50 Mitarbeitenden. Vieles lief richtig: Die Nachfrage war da, das Team engagiert, die Geschäftsidee funktionierte. Trotzdem zeigte sich ein Muster, das ich seither immer wieder sehe – das Unternehmen war schneller gewachsen als seine Systemlandschaft.
Daten wurden mehrfach gepflegt, Informationen lagen an verschiedenen Stellen, Produktdaten waren nicht durchgängig konsistent. Viele Abläufe funktionierten nur noch über persönliche Absprachen und individuelle Workarounds. Jede zusätzliche Lösung erhöhte die Komplexität. Was von außen funktionierend wirkte, erzeugte intern immer mehr Aufwand.
Meine Empfehlung war deshalb kein weiteres Marketing-Tool und keine neue Einzelanwendung. Ich schlug vor, zunächst die Basis zu stärken: mit einem Product Information Management System (PIM), einer standardisierten Shop-Lösung und einer sauber integrierten Systemlandschaft – einer zentralen Datenquelle für Produktpflege, Vertrieb und Marketing. Einmalige Datenerfassung, weniger Fehler, schnellere Prozesse, bessere Skalierbarkeit.
Die Reaktion war verständlicherweise zurückhaltend. Solche Investitionen sind selten spektakulär, erzeugen keine unmittelbaren Umsatzsprünge und wirken neben neuen Features oft wenig attraktiv. „Dafür haben wir aktuell kein Budget" oder „Das machen wir später" – Sätze, die vielen begegnen, die Veränderung begleiten.
Dabei wurde mir etwas deutlich: Das eigentliche Problem war nicht die Software. Das eigentliche Problem war die fehlende Bereitschaft, Zeit und Ressourcen in die Grundlagen zu investieren.
„Neues ist oft attraktiver als Pflege, Instandhaltung und solides Aufräumen. Doch genau diese unspektakulären Investitionen machen gesundes Wachstum erst möglich." – Anne Loeck
Unternehmen wachsen nicht dauerhaft durch immer neue Werkzeuge. Sie wachsen durch Strukturen, die Wachstum tragen. Wartung, Dokumentation und saubere Prozesse wirken selten aufregend – aber sie sind oft der Unterschied zwischen kurzfristigem Erfolg und nachhaltiger Entwicklung.
Dasselbe Muster, viele Formen
Dieser Fall drehte sich um Systeme. Aber das dahinterliegende Muster begegnet mir in fast jedem Projekt, unabhängig von Branche oder Tool: Ein Projekt kommt nicht voran, Meetings werden länger, Entscheidungen bleiben liegen. Alle arbeiten hart. Trotzdem bewegt sich wenig.
Der erste Impuls lautet dann oft: Wir brauchen ein neues Tool. Einen neuen Prozess. Mehr Meetings.
Aus meiner Erfahrung stimmt davon meistens nichts. Was fehlt, ist nicht Aktivität. Was fehlt, ist Klarheit über vier Fragen:
- Wer entscheidet – tatsächlich, nicht nur auf dem Papier?
- Wer informiert wen, bevor eine Entscheidung fällt?
- Was hat Priorität, wenn nicht alles gleichzeitig geht?
- Welche Aufgabe zahlt überhaupt auf das eigentliche Ziel ein – und welche ist nur beschäftigt aussehende Betriebsamkeit?
Erst wenn diese vier Fragen beantwortet sind, wird aus Beschäftigung wieder Fortschritt.
Warum „Neues aus der Werkstatt"
Vielleicht ist das der Grund, warum ich meine berufliche Heimat weder ausschließlich in der Assistenz noch ausschließlich im Projektmanagement sehe. Mich interessiert die Stelle dazwischen – zwischen Menschen, Prozessen und Entscheidungen. Dort, wo aus Komplexität wieder Orientierung wird.
Mit „Neues aus der Werkstatt" teile ich genau solche Beobachtungen: aus echten Projekten, ohne Hochglanztheorie und ohne Erfolgsgeschichten, in denen immer alles glatt läuft.
Wenn Sie nach der einen perfekten Methode suchen, werden Sie hier vermutlich nicht fündig. Wenn Sie neugierig auf konkrete Erfahrungen aus der Praxis sind, freue ich mich, wenn Sie wieder vorbeischauen.
Die Werkstatt ist eröffnet.
Ihre Anne Loeck
